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Jochen Hippler


Die Quellen des Terrorismus -
Hinweise zu Ursachen, Rekrutierungsbedingungen und Wirksamkeit politischer Gewalt

 


Terrorismus trägt viele Gesichter: Er ist einerseits eine Form der Kriminalität, zugleich ein politischer Akt. Terrorismus ist eine – zweifellos brutale – Form der Kommunikation, ein Zwangsmittel, und er ist ein Etikett, das verfeindete Akteure sich gegenseitig anheften, um sich zu diskreditieren. Seit dem September 2001 ist er auch noch eine neue Rechtfertigung für Krieg, indem er selbst als Krieg bezeichnet wird. In diesem Dschungel sich überlappender und widersprechender Begriffsaspekte ist es schwer, überhaupt eine einigermaßen präzise Definition von „Terrorismus“ zu finden, die nicht bereits die politischen Absichten und Parteilichkeiten enthält. Als in den 80er Jahren der damalige US-Präsident Ronald Reagan bereits einmal einen „Krieg gegen den Terrorismus“ verkündete, wusste er: „Des Einen Terroristen sind des Anderen Freiheitskämpfer“.

Was ist Terrorismus?
Aus den USA stammt auch einer der definitorischen Fixpunkte der Begrifflichkeiten. Das US-Außenministerium definiert „Terrorismus“ u.a. als „vorsätzliche politische Gewaltakte gegen Nicht-Kämpfer („noncombatant“) durch nicht-staatliche Gruppen oder Geheimagenten“. Diese Definition enthält zwar Mängel, verbindet aber drei Schlüsselaspekte: dass Terrorismus nämlich sowohl a) gewaltsam als auch b) politisch ist, und c) gegen Nicht-Kombattanten ausgeübt wird. Damit befindet man sich, soweit überhaupt möglich, auf festem Grund der Begriffsverwendung. Mit Hilfe dieser Definition lässt sich beispielsweise feststellen, dass die Angriffe auf das World Trade Center des September 2001 zweifelsfrei terroristischen Charakter trugen, während beispielsweise die Zerstörung der militärischen Hauptquartiere der USA und anderer Staaten im Libanon 1983 durch Autobomben (oft als klassische Terrorakte bezeichnet) gerade keinen Terrorismus darstellte, sondern militärische Angriffe mit unkonventionellen Mitteln.
Das Problem dieser Definition besteht allerdings in der Einschränkung der Akteure auf „nicht-staatliche Gruppen oder Geheimagenten“. Damit fielen Akte politischer Gewalt gegen Non-Kombattanten durch militärische Einheiten eines Staates nicht unter den Terrorismusbegriff: Erschießt etwa ein Geheimdienst („Geheimagenten“) politische Opponenten, dann wäre dies terroristisch, tun dies Mitglieder einer regulären Armee, dann nicht. Diese definitorische Einengung zielt darauf, vor allem das eigene Militär präventiv vom Terrorismusvorwurf auszunehmen – und ist daher für die politische Praxis nützlich. Die „präventiven Liquidierungen“ palästinensischer Politiker oder Aktivisten durch die israelische Armee oder vergleichbare Akte der irakischen Republikanischen Garden wären danach keine Terrorakte, die gleichen Verbrechen durch nicht-staatliche oder geheimdienstliche Täter doch. Das ist unsinnig. In diesem Text wird der Terrorismusbegriff deshalb im Sinn der Definition des US-Außenministeriums gehandhabt – mit der Ausnahme, dass er jede potentielle Tätergruppe einbezieht.

Wirksamkeit terroristischer Gewalt
Terrorismus, soweit seine Taten nicht primär aus einer situativen Emotionalisierung entspringen, zielt auf politische Wirkung. Würde er für wirkungslos gehalten, gäbe es ihn kaum noch, nämlich nur in Form spontaner Ausbrüche. Als politisches Kampfmittel macht Terrorismus nur Sinn, wenn er wirkt. Eine solche Wirkung kann allerdings auf sehr unterschiedliche Bereiche zielen: Er kann konkrete materielle Objekte zerstören, etwa Infrastruktur, um wirtschaftlichen Schaden hervorzurufen. Er kann eine stärker psychologische Wirkung anstreben, indem beispielsweise Symbole der Macht angegriffen, beschädigt oder diskreditiert werden. Terrorismus zielt in anderen Fällen auf die Tötung von Personen, um den politischen Gegner zu schwächen oder aktionsunfähig zu machen. Die Wirkungsmechanismen sind dabei jeweils unterschiedlich, obwohl sie letztlich alle darauf angelegt sind, durch Schädigung politischer Kontrahenten deren Handlungsfähigkeiten oder Ressourcen zu beeinträchtigen. Meist ist es allerdings so, dass die Wirkung letztlich politisch-psychologisch eintritt, und materielle Zerstörungen nur instrumentell sind. Dabei kann das Wirkungsmuster beispielsweise darin bestehen, einen übermächtigen Gegner als angreifbar oder schwach erscheinen zu lassen, ihn zu provozieren oder zu verunsichern, oder einen Gegner einzuschüchtern und so zu lähmen. Die jeweiligen Mittel und Angriffsziele werden danach gewählt, welche Wirkungen angestrebt werden.
Darüber hinaus können die intendierten Wirkungen eher nach „innen“ oder nach „außen“ gerichtet sein. Terror kann also dazu eingesetzt werden, die eigene Partei, die eigene ethnische, nationale oder religiöse Gemeinschaft einzuschüchtern, zu „säubern“ oder zu disziplinieren, sie möglicherweise intern zu homogenisieren, um gegenüber externen Akteuren stärker zu werden oder die Machtposition bestimmter Personen oder Gruppen auszubauen. Terrorismus nach „außen“, also gegen Vertreter, Infrastruktur oder Symbole externer politischer, ethnischer oder anderer Akteure soll einerseits seine direkte und offensichtliche Wirkung gegen den Gegner erzielen, richtet sich aber häufig nebenbei (oder gar hauptsächlich) auch nach „innen“: etwa zur Stärkung der eigenen „Moral“ oder Identität, oder durch den Nachweis der eigenen Relevanz, Stärke oder Aktionsfähigkeit gegenüber internen Konkurrenten. So richten sich auch die nach manchen Anschlägen hinterlassenen Bekennerschreiben oft gar nicht an den politischen Gegner, sondern das eigene Umfeld.
Da Terrorismus meist vor allem auf den politisch-psychologischen Effekt der Gewalt zielt, spielt zu seiner Wirksamkeit die Wahrnehmung und Interpretation der Gewaltakte eine Schlüsselrolle. Ein Terrorakt, der nicht wahrgenommen wird, wird nur seine direkten materiellen Auswirkungen haben, aber politisch ins Leere laufen. Deshalb spielen die Medien eine zunehmend wichtige Rolle: Terror als Kommunikationsform braucht die Medien als Träger, um sein politisches Potential ausschöpfen zu können.

Ursachen von Terrorismus
Die Ursachen des Terrorismus sind vielfältig. Terrorismus an sich ist keine attraktive politische Option, die sich immer anböte oder von breiteren Kreisen leichtfertig gewählt würde. Dazu sind die Nachteile zu groß: er ist oft mit hohem persönlichen Risiko verbunden, wird in der Regel von den meisten Menschen (auch den angeblichen „Nutznießern“) abgelehnt, erfordert (ab einem bestimmten Niveau der Planung und Organisation) signifikante Geldmittel und Infrastruktur, und der Ausstieg aus einer terroristischen Karriere ist oft schwierig oder unmöglich. Dies alles gilt für den nicht-staatlichen Terrorismus in noch stärkerem Maße als für den staatlichen.
Eine notwendige – aber nicht hinreichende – Grundvoraussetzung des Terrorismus besteht meist in einer allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Dauerkrise. Ohne einschneidende Krisenerfahrung wird die Schwelle zum Terrorismus oft nicht oder nur punktuell überschritten, weil er als „zu radikal“ empfunden wird. Dabei bedeutet „Krise“ aber nicht unbedingt das Vorhandensein bestimmter objektivierbarer Faktoren (etwa wirtschaftlicher Art, also einen bestimmten Prozentsatz an Arbeitslosigkeit oder Inflation, oder ein bestimmtes Maß an Repression), sondern ist ein oft subjektiver Faktor: es geht also um die Wahrnehmung, das Erleben einer Krise, nicht die bloße Verschlechterung objektiver Daten.

Armut.
Häufig wird Armut als eine zentrale Ursache politischer Gewalt allgemein und des Terrorismus insbesondere genannt. Ein solcher Zusammenhang erscheint einleuchtend, ist auch nicht prinzipiell falsch – aber funktioniert doch eher indirekt und über einige Zwischenschritte. Armut an sich ist schrecklich, aber nicht notwendigerweise ein direkter Auslöser oder eine Ursache von Gewalt. Wenn allerdings krasse Armutsunterschiede vorhanden sind, eine Gesellschaft z.B. tief in Arm und Reich gespalten ist, wenn dann diese Armutsdifferenz in erkennbare Bewegung gerät, sich also etwa vermindert oder verbreitert – dann kann die Gewaltwahrscheinlichkeit tatsächlich steigen. Armut kann also einen Leidensdruck produzieren, der unter bestimmten Umständen in gewaltsame Reaktionen umschlagen kann, wie er auch in Apathie, Selbsthass, Kriminalität, Entpolitisierung, individuelle Überlebensstrategie und anderes münden kann, aber nicht muss. Armut ist also ein Rohstoff der Gewaltentwicklung, aber nicht mehr als das. Sie führt nicht automatisch zur Gewalt, und Gewalt kann auch ohne sie zustande kommen. Trotzdem: gerade Veränderungen in der Armutsstruktur (also beispielsweise die Pauperisierung der Mittelschichten, eine massive Vergrößerung oder Verkleinerung des Armutsgefälles, oder die bloße Gefahr bisher privilegierter Gesellschaftssektoren, abzusinken und gegenüber anderen ins Hintertreffen zu geraten) können wichtige Faktoren einer gesellschaftlichen Gewaltdynamik sein. Ob die Gewaltschwelle dabei tatsächlich überschritten wird, ob dies punktuell oder systematisch, spontan oder organisiert, durch kleine Gruppen oder auf Grundlage einer breiten sozialen Bewegung, durch den Staat oder nicht-staatliche Akteure, durch Sachbeschädigung, Bürgerkrieg oder Terrorismus geschieht – das wird von dem konkreten Kontext und Konfliktverlauf, der Geschichte, Kultur, den wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen eines Landes abhängen.

Demokratiedefizite.
Ähnliches gilt für den Faktor „Demokratie“. Die Verweigerung politischer Freiheits- und Partizipationsrechte und politische Unterdrückung können zu mächtigen Faktoren werden, die politischen Widerstand provozieren und schließlich zu auch gewaltsamem Widerstand führen. Diktatorische Regime haben oft auch weniger Anreize als demokratische Systeme, selbst bei der Konfliktbearbeitung auf Gewaltanwendung zu verzichten. Aber der Zusammenhang zwischen politischer – auch terroristischer – Gewalt und dem Fehlen von Demokratie mag zwar existieren, ist aber kompliziert und indirekt. Es gibt zahlreiche Diktaturen, die mit einem bemerkenswert niedrigen Grad an politischer Gewalt auskommen, während umgekehrt in manchen Demokratien oder Halbdemokratien ein beträchtliches Maß an politischer Gewalt existieren kann – Indien und Pakistan (vor der Machtübernahme General Musharrafs) mit ihren internen ethnischen und religiösen Konflikten und der Konkurrenz um Kaschmir sind Beispiele. Auch Kolumbien, die Türkei oder Indonesien sind Länder mit Wahlen und einem gewissen Grad an Demokratie, aber leiden durchaus unter politischer Gewalt im großen Stil. Demokratische Staaten können Terrorismus hervorbringen, wie die Bundesrepublik Deutschland und Italien in den siebziger Jahren erfahren mussten. Umgekehrt existieren zahlreiche autoritäre Regime oder Diktaturen, die das Gewaltniveau nach innen und außen relativ niedrig halten können. Demokratie und die Geltung demokratischer Freiheitsrechte können tatsächlich gewaltsamer Konfliktaustragung und terroristischer Gewalt vorbeugen, indem sie einmal bestimmte Widerstandsgründe beseitigen, zugleich politische Mechanismen bereitstellen, die eine friedliche Konfliktregulierung erlauben. Dies gilt allerdings nur prinzipiell und langfristig. Kurzfristig können Demokratisierungsprozesse das Gewaltpotential sogar noch erhöhen, indem die repressiven Instrumente der Gewaltvermeidung geschwächt werden, die konsensualen aber noch nicht ausreichend entwickelt sind, oder eine Phase der Instabilität mit massiven Verschiebungen der Machtgleichgewichte eintritt. Trotz dieser Einschränkungen lässt sich feststellen, dass insbesondere in Bezug auf terroristische Gewalt funktionsfähige und entwickelte demokratische Gesellschaften (nicht unbedingt „neue“ Demokratien) tendenziell weniger anfällig sind und – falls Terrorismus doch auftritt – dieser eher isoliert bleibt. Andererseits werden harte Diktaturen, die andere, zivile Mechanismen der Konfliktregulierung nicht zulassen, eher einen terroristischen Widerstand hervorbringen – allerdings fast immer nicht allein wegen ihres diktatorischen Charakters, sondern weil dieser Faktor sich mit anderen, wirtschaftlichen, sozialen, religiösen, politischen verbindet.

Wahrnehmung.
Ein wichtiges Element des Entstehens eines Gewaltpotentials besteht im Auseinanderklaffen der Erwartungen und Hoffnungen eines Großteils der Bevölkerung mit den gesellschaftlichen Realitäten. Nicht die Armut der Bevölkerung oder der Mangel an Demokratie an sich sind direkt und automatisch für politische Gewalt verantwortlich – auch extrem arme Gesellschaften können bemerkenswert friedfertig sein. Aber wenn diktatorische Verhältnisse oder Armut von der Bevölkerung nicht mehr akzeptiert werden, weil die Menschen mehr Wohlstand und Freiheit für erstrebenswert und möglich halten – und beides ihnen verweigert wird, dann entsteht ein Konfliktpotential mit möglicher Gewaltkomponente. Ob und in welcher Form und in welchem Maße sich die Gewalt tatsächlich äußern wird, hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem von den rechtlichen und politischen Möglichkeiten friedlicher Opposition. Gewalt wird um so wahrscheinlicher, je stärker gewaltlose Ausdruckformen von Opposition und gewaltlose Konfliktregelungsmechanismen fehlen oder blockiert sind. In einer ganzen Reihe von Ländern des Nahen und Mittleren Ostens bestehen chronische Krisen der Gesellschaften, die zunehmend durch Hoffnungslosigkeit und Wut geprägt sind. Korrupte und unfähige Regierungen verweigern der eigenen Bevölkerung grundlegende politische Rechte und sind zugleich nicht in der Lage, eine wirtschaftliche Zukunftsperspektive zu bieten. Massive Jugendarbeitslosigkeit, eine schamlose Spaltung der Gesellschaften zwischen Arm und Reich (letztere oft demonstrativ pro-westlich) und ein starkes Auseinanderklaffen der öffentlichen Werte und Normen einer Gesellschaft und der sozialen Realität sind Warnsignale. Gerade Saudi Arabien stellt ein krasses Beispiel dafür dar, wie die offiziellen – religiösen – Werte und die politischen und persönlichen Realitäten in Konflikt geraten.

Mobilisierung und Rekrutierung.
Als soziale Organisatoren eines resultierenden politischen Radikalismus (und später möglicherweise dessen gewaltsamer Praktiken) kommen häufig Sektoren der Mittelschichten in Betracht, etwa die Söhne ländlicher Familien, die in großen Städten oder sogar im Ausland neue Bildungselemente erwerben (vor allem an Universitäten) – und dann keine oder keine angemessenen Arbeitsplätze finden, zugleich aber nicht zurück in ihre Dörfer können oder wollen. Das politische Konfliktpotential speist sich aus sozialer Not und Verzweiflung, aber seine Organisation wird meist nicht von den Ärmsten, sondern von Vertretern der technischen Intelligenz, Ärzten oder Rechtsanwälten getragen. Die Ärmsten und Marginalisierten sind oft mit ihrem persönlichen Überlebenskampf ausgelastet, der Freiraum für kontinuierliche politische Organisationsarbeit – auch organisierten Terrorismus – ist ein „Luxus“, den sie sich selten leisten können. Zwar können die Ärmsten durchaus zu Trägern politischer Gewalt werden, etwa bei spontanen Aufständen (z.B.: „IMF-riots“) oder als Kanonenfutter bei ethnischen oder ethno-religiösen Ausschreitungen. Als Planer oder Organisatoren kommen aber die wirklich Armen oder das Lumpenproletariat nur in seltenen Ausnahmefällen in Betracht, schon weil bei ihnen die nötigen (oder zumindest sehr nützlichen) politischen Kulturtechniken und Bildungselemente oft fehlen. Umgekehrt ist politischer Aktivismus – und unter bestimmten Umständen eben auch bis zur politischen und terroristischen Gewalt – für Sektoren der Mittelschichten sowohl realistischer als auch eine potentielle politische Aufstiegsstrategie.
Zusammengefasst kann man feststellen, dass eine einschneidende politische und wirtschaftliche Krisenerfahrung meist zum Ausgangspunkt des Entstehens des Terrorismus gehört, bei der die verbreitete Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit zum Treibstoff wird, der unter bestimmten Umständen von politischen Aktivisten genutzt werden kann.
Meist spielt ein zweiter Faktor als Katalysator eine zentrale Rolle, um bestehendes Konfliktpotential in politische Gewalt zu transformieren: die Symbolik politischer Regionalkonflikte. Für den islamischen Kulturkreis sind das vor allem Palästina, in geringerem Maße Kaschmir (vor allem in Pakistan und Afghanistan) oder die immer noch bestehenden Sanktionen gegen den Irak. Diese Konflikte haben einen starken mobilisierenden Effekt, sie repräsentieren die Unterdrückung ganzer Völker. Bei der Entstehung eines terroristischen Gewaltpotentials verbinden sich oft die Erfahrung gesellschaftlicher Perspektivlosigkeit und Frustration im Inneren der eigenen Gesellschaft mit einer politischen Emotionalisierung durch externe Gewaltkonflikte mit symbolischer Bedeutung – der Vietnamkrieg für die sich radikalisierenden Sektoren der europäischen Studentenbewegung der sechziger und frühen siebziger Jahre, die israelische Besatzungspolitik in Palästina für inzwischen mehrere Generationen arabischer Aktivisten.

Insbesondere im palästinensischen Fall kann die Mobilisierung auf nationaler Grundlage (Palästinenser sind Araber) oder quasi-religiös erfolgen (Palästinenser sind meist Muslime), ihre Grundlage ist die Identifikation mit den Unterdrückten.
Die Bedeutung dieses Mechanismus wird beispielhaft deutlich in der Fatwa (ein islamisches Rechtsgutachten), die Usama ibn Ladin mit anderen Extremisten im Februar 1998 veröffentlichte, um den USA und Israel den „Krieg“ zu erklären. Darin erhebt er drei substantielle Vorwürfe:
Die Besetzung islamischer Länder durch die USA, insbesondere „der heiligsten aller Orte, der Arabischen Halbinsel“, um deren „Reichtümer zu plündern, ihre Herrscher zu beherrschen“ („dictating to its rulers“) und zu anderen Zwecken;
Die Auswirkungen der US-Politik („the Crusader-Zionist alliance“), des Golfkriegs und das seitdem andauernde Embargo auf die irakische Zivilbevölkerung „mit mehr als 1 Million Toten“;
Die „Besetzung Jerusalems und die Morde an Muslimen“ durch Israel, sowie die US-amerikanische Unterstützung.

Diese Aufzählung ist ein wichtiges Beispiel für die grenzüberschreitende Mobilisierungskraft symbolischer Regionalkonflikte, um ein unterschwellig vorhandenes Gewaltpotential aufgrund innergesellschaftlicher Konflikte durch die Identifikation mit Opfern fremder Ungerechtigkeit zu mobilisieren und zu fokussieren. Durch die (bezogen auf die externen Gewaltkonflikte) nicht direkt erlebte, sondern politisch vermittelte Erfahrung von Unterdrückung und Ungerechtigkeit wird ein möglicherweise entstehender Terrorismus trotz seiner unvermeidlichen emotionalen Anteile tendenziell eher „unterkühlt“, berechnend, organisiert und planend erfolgen, wie das global operierende Netzwerk von Al-Qaida demonstriert. Moderne Zweckrationalität, moderne Infrastruktur und Verfahrensweisen und langfristige Vorbereitung von Anschlägen sind Selbstverständlichkeiten, ein entsprechender sozialer Hintergrund der Täter (z.B. Studium) Voraussetzungen.
Ganz anders sieht es naturgemäß bei bestimmten Formen eines stärker situativ ausgelösten Terrorismus aus. Wenn beispielsweise palästinensische Jugendliche ständig die Erfahrung eigener Demütigung durch Besatzungstruppen machen, Freunde oder Verwandte verwundet, getötet oder im Gefängnis misshandelt wurden, die eigene Lebensperspektive nicht nur abstrakt (etwa über anonyme gesellschaftliche oder Marktstrukturen), sondern ganz konkret und persönlich erfahrbar zerstört wird – dann kann resultierende politische Gegengewalt auch in ihrer terroristischen Form einen viel stärker persönlichen und emotionalen Charakter tragen. Er wird häufig den Aspekt der „Rache“ (für den Verlust an Freunden oder Verwandten) besitzen, oder aus einer Mentalität erfolgen, dass man ohnehin kein lebenswertes Leben mehr führe, ohnehin umgebracht werden könne, und dann besser noch ein paar Feinde mit in den Tod nehme. Diese Form des Terrorismus (etwa Selbstmordattentate gegen israelische Restaurants oder Busse) kann sogar „unpolitische“ Formen annehmen, indem etwa die Täter selbst wissen, dass ihre Tat keine politischen Früchte tragen kann, sondern eher unternommen wird, um wenigstens nicht ohne Widerstand unterzugehen oder die eigene „Würde“ zu wahren. Solche Taten wären nicht im engeren Sinne zweckrational (weil auch sie die Besatzer nicht vertreiben können), sondern symbolisch.

Begründungsmuster.
Gewalt und Terrorismus sind auch im Nahen und Mittleren Osten nicht neu, sind auch nicht erst mit dem aufkommenden Islamismus entstanden. So wie es auch in Europa immer wieder religiös begründete, aber auch säkulare Gewalt gibt und gegeben hat, so auch in muslimisch geprägten Gesellschaften. In den siebziger Jahren wurde etwa der aus dem Palästinakonflikt resultierende Terrorismus (z.B. Flugzeugentführungen) nicht religiös, sondern „national“ gerechtfertigt, im Zusammenhang mit „nationaler Befreiung“ und dem Kampf einer Befreiungsbewegung. Die Täter waren meist Muslime, aber ihre Religion und Religiosität spielte für die Tatbegründungen praktisch keine Rolle. Heute würden die gleichen Taten mit gewisser Sicherheit auch oder völlig mit religiösen Argumenten untermauert – nicht, weil sie nunmehr aus der Religion entsprängen, sondern weil sich der politische Diskurs verschoben hat. So wie früher viele politische Probleme in der Sprache des Arabischen Nationalismus oder des Marxismus-Leninismus ausgedrückt wurden, so werden heute die gleichen Grundprobleme anders formuliert, in einen anderen Begründungskontext eingebettet – ohne dass sie deswegen notwendigerweise andere wären. Politische Bewegungen drücken ihre Forderungen, Erwartungen und Programme fast immer in einem sinnstiftenden Legitimationszusammenhang aus, der ihnen höhere Weihen etwa der „Geschichte“, der „Nation“, des „Klassenkampfes“ oder eben „Gottes“ gewährt. Zum Teil nehmen sie damit Stimmungen in der Gesellschaft auf, zum Teil prägen sie sie, aber auf jeden Fall dient das der Stärkung der eigenen Position durch Inanspruchnahme höherer Werte, die durchaus reale Aspekte und vernünftige Begründungen enthalten können.
Der aktuelle islamisch geprägte Terrorismus speist sich weiterhin aus säkularen Quellen: aus den erwähnten sozialen Problemen und Konflikten, Unterdrückung, Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit. Ohne diese Quellen würde der islamistische Terrorismus über kleine Grüppchen von Spinnern nicht hinausgelangen, er würde nicht bedeutsamer sein, als es die deutsche RAF in den siebziger Jahren war: geräuschvoll, großmäulig, aber politisch isoliert. Die Gefahr der Überreaktion wäre noch gefährlicher als der Terrorismus selbst. Der islamistische Terrorismus ist heute nicht bedeutsam, weil er islamistisch ist, sondern weil er über eine Basis in einigen Ländern verfügt, die nicht aus dem Koran, sondern den sozialen Realitäten entspringt. Auf dieser Basis allerdings kann jede Form von Religion zu einer zusätzlichen, mächtigen ideologischen Waffe werden, auch der Islam.

Rolle der Religion.
Sein praktischer Nutzen besteht darin, dass er nicht-westlich ist (im Gegensatz etwa zum Nationalismus, der in gewissem Maße ein westliches Importprodukt war), dass er sich auf eine ausgesprochen hohe moralische Instanz beruft (Gott), die zusätzlich prinzipiell nicht widerlegt werden kann (Gott kann sich gegen seine politische Instrumentalisierung offensichtlich nicht wehren) und dass Religion eine besonders starke emotionale Komponente enthält, die manche säkulare Ideologien nicht – oder nicht mehr – besitzen.
Der Islam – bzw. bestimmte, unorthodoxe Interpretationen des Islam – können unter manchen Umständen also dazu beitragen, terroristische Täter ideologisch zu stärken, ihre politischen Motive durch spirituelle zu ergänzen und so ihre Motivation zu erhöhen. Der Islam kann ebenfalls – wie nationalistische oder andere Ideologien – die Funktion erfüllen, Gemeinsamkeit zu stiften und so politische Koalitionsbildung erleichtern: etwa an die Gemeinschaft aller Muslime appellieren, so wie früher, und zum Teil noch immer, die Gemeinsamkeiten etwa der Araber politisch genutzt wird. Umgekehrt kann er natürlich zur Ausgrenzung eingesetzt werden, etwa von Nicht-Muslimen. Er kann also insbesondere bei der Stärkung der Gruppenidentität, der Motivierung, und bei der Definition von In- und Outgroup eine wichtige Rolle spielen. Dabei fällt auf, dass der politische Islam als Begründungskontext für Terrorismus (was die seltene Ausnahme, nicht die Regel darstellt) zuerst im jeweiligen Land, nicht international herangezogen wird: Der jeweiligen Diktatur oder Machtelite wird ihr islamischer Charakter bestritten, oft mit sehr säkularen Argumenten wie Korruption oder außenpolitischen Vorwürfen, aber auch dem ausschweifenden Lebenswandel der Herrscher. Das Attentat auf den ägyptischen Präsidenten Sadat war ein klassisches Beispiel. Einen internationalen Charakter nehmen solche Formen des Terrorismus meist an, wenn es etwa um die Verfolgung von Oppositionellen oder Diplomaten des eigenen Landes im Ausland geht. In eher seltenen – aber potentiell besonders gefährlichen oder blutigen Ausnahmen – sucht sich islamistischer Terrorismus westliche Ziele im Ausland, wie die Attentate des 11. September 2001 dramatisch unterstrichen haben.
Zur Strategie gegen den Terrorismus.
Eine zivile Strategie der Gewalt- und Terrorismusprävention ist schwierig und muss an verschiedenen komplexen Faktorensystemen ansetzen. Zuerst einmal wäre es allerdings sinnvoll, den Terrorismusbegriff klar zu fassen und der Versuchung zu widerstehen, ihn je nach Opportunität nur seinen Gegnern zuzuweisen, während ähnliche Praktiken bei befreundeten oder nützlichen Akteuren übersehen oder verharmlost werden. Die Anwendung gleicher Maßstäbe nach allen Seiten ist eine Schlüsselvoraussetzung für die Glaubwürdigkeit bei der Terrorismusbekämpfung und –prävention.
Eine Vorbeugung gegen Gewaltkonflikte und Terrorismus sollte die innergesellschaftlichen Quellen und Ursachen der Gewaltpotentiale und die wichtigen, symbolträchtigen Regionalkonflikte ins Zentrum rücken: Solange die Bevölkerungsmehrheiten über keine positive Lebensperspektiven verfügen und solange etwa der Palästinakonflikt nicht gelöst wird – solange wird die Gefahr bestehen, dass sich die Gewaltpotentiale reproduzieren. Deshalb ist es wichtig, die wirtschaftlichen und sozialpolitischen Bedingungen friedlicher Gesellschaftsentwicklung insbesondere in den muslimischen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens deutlich zu verbessern, und darüber hinaus deren politische Systeme so zu reformieren, dass sie in weit größerem Maße als bisher Möglichkeiten zu friedlicher Partizipation und Veränderungen bieten. Dies dürfte in einer Zwischenperiode das Konfliktpotential noch erhöhen, es müsste deshalb gezielt durch externe Wirtschaftshilfe abgefedert werden. Eine Dämonisierung und Ideologisierung politischer Diskursformen der Region (Islam/Islamismus) sollte unterbleiben, um die ideologische Polarisierung nicht noch zuzuspitzen. Schließlich wären verstärkte und massive Anstrengung zur Lösung regionaler Gewaltkonflikte (Palästina, Kaschmir) nicht nur notwendig, um das direkte Konflikt- und Rekrutierungspotential dort auszutrocknen, sondern auch um insgesamt zu signalisieren, dass der Westen die Unterdrückung und das Leiden von Muslimen nicht geringer würdigt als die von Menschen anderer Kulturkreise. In diesem Zusammenhang muss auch vor der Versuchung gewarnt werden, den militärischen „Krieg gegen den Terrorismus“ auf weitere (muslimische) Länder auszuweiten, etwa Somalia oder den Irak. Trotz der kurzfristig möglichen taktischen Erfolge einer solchen Politik wäre sie langfristig betrachtet eher ein Terrorismus-Förderprogramm, da eine solche Ausweitung des Krieges den Verdacht nähren würde, die USA (oder der Westen) griffen doch „den Islam“ oder „die Muslime“ an. So würde nicht nur der proklamierte Dialog mit dem Islam (Kofi Annan, Johannes Rau, Mohammad Khatami und andere) diskreditiert, sondern der islamistische Terrorismus zusätzlich legitimiert.

 


in:
Friedensgutachten 2002,
hrsg. von Reinhard Mutz, Bruno Schoch, Ulrich Rasch, Christoph Weller,
für das Institut für Friedenspolitik und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (ISFH), die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST), Bonn International Center for Conversion (BICC) und Institut für Entwicklung und Frieden (INEF), Juni 2002,
S. 52-60

 

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