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Jochen Hippler

Mudjahedin und Drogenhandel -
Afghanistans Opiumproduktion wächst - Mudschahedin-Gruppen kämpfen um Mohn-Anbaugebiete und Heroinlaboratorien (1990)



Nach dem Zusammenbruch der Regierung Präsident Nadschibullas in Afghanistan sind die Mudschahedin in Kabul eingezogen. Die Aufmerksamkeit konzentriert sich auf die anhaltenden Kämpfe und die Gefahr des Auseinanderbrechens Afghanistans. Ein wichtiges Problem wird aber oft übersehen: die jahrelange Verwicklung vieler Mudschahedin in den Drogenhandel.

Der Bürgerkrieg in Afghanistan hat die Opiumproduktion dramatisch in die Höhe getrieben. Von fast bescheiden zu nennenden 200-300 Tonnen Ende der siebziger Jahre stieg die Opiumproduktion während der achtziger Jahre auf schätzungsweise 1000 Jahrestonnen 1990. Der allergrößte Teil dieser Menge wurde in den von Mudschahedin kontrollierten Landesteilen produziert: ein Drittel davon in der Provinz Helmand, sonst in Nangahar und anderen Provinzen. Der Aufschwung der afghanischen Opiumproduktion ist eine direkte und indirekte Folge des Krieges: aus Kriegsgründen und wegen der zerstörten Infrastruktur ist normale landwirtschaftliche Tätigkeit in vielen Landesteilen kaum oder nur unter extremen Schwierigkeiten möglich - der Anbau von Mohn (als Rohstoff für Opium) dagegen relativ problemlos und zugleich für die Bauern wesentlich einträglicher. Mohn ist viel anspruchsloser als Getreide oder Gemüse. Und das daraus gewonnene Opium kann wegen seines geringen Gewichts und Umfangs auch bei schlechter Infrastruktur leichter transportiert werden.

Zugleich stellt der Handel mit Opium (und dessen Weiterverarbeitung zu Heroin) für viele Kommandanten und Parteiführer der Mudschahedin eine beträchtliche finanzielle Versuchung dar: während der Großhandelspreis für Opium pro Kilo in Afghanistan bei etwa 800 Dollar liegt (Auskunft des ehemaligen Leiters der afghanischen Drogenfahndung), erzielt man bereits in Pakistan für ein Kilo Heroin (zu dessen Herstellung 10 Kilo Opium benötigt werden) etwa 15.000 Dollar. Neben diesen wirtschaftlichen Faktoren spielen noch andere eine Rolle: etwa die ebenfalls kriegsbedingte Unzugänglichkeit und Unkontrollierbarkeit großer Landesteile durch jede staatliche Gewalt, der beträchtliche Finanzbedarf der Kommandanten und Parteien zum Kauf von Waffen - und die ohnehin vorhandene Infrastruktur: die logistischen Strukturen, die zum abgesicherten und heimlichen Transport von Waffen und Munition bestanden und bestehen, lassen sich ohne wesentlichen Mehraufwand zugleich für den Drogenschmuggel nutzen. Als die USA im Verlauf der Jahre 1990/91 ihre finanzielle und militärische Unterstützung für die Mudschahedin reduzierten und dann einstellten, wirkte sich das direkt auf die Drogenproduktion aus: 1992 wurde in Afghanistan etwa doppelt soviel Opium hergestellt wie im Jahr zuvor. Der Finanzbedarf der Mudschahedin war gewachsen, er wurde aus Drogengeschäften gedeckt.

Zahreiche Quellen in den USA, in Pakistan und Afghanistan stimmen darin überein, daß die "Islamische Partei" des Gulbudin Hekmatyar diejenige Gruppe ist, die am tiefsten in den Handel mit Opium und Heroin verstrickt ist. Und in der Tat gehören eine ganze Reihe der an Drogenhandel beteiligten Kommandanten zu dieser Organisation, die auch über eigene Heroinlabors in Afghanistan - etwa in Rabat im äußersten Südwesten - und Pakistan verfügt. Es gibt aber - wie auch in Fragen der Menschenrechte - eine politisch motivierte Tendenz, Hekmatyar und seine Organisation allein zu Sündenböcken zu machen. Ein solcher Freispruch der anderen Mudschahedinparteien wäre allerdings verfehlt, wenn sie auch quantitativ eine zum Teil geringere Rolle spielen.

In den letzten Jahren des Krieges waren allein in der Provinz Balkh vier Kommandanten der Jamiat (der Partei Ahmad Schah Massuds) führend am Rauschgifthandel beteiligt, in Nangahar die Kommandanten Rusadin und Hafisullah der Partei von Yunis Khalis. Gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Mudschahedingruppen haben schon häufig den Kampf um Anbaugebiete von Mohn oder um Heroinlabors zum Gegenstand gehabt, etwa in der Provinz Helmand. Dort hat es einen zwei Jahre dauernden Kleinkrieg um die Kontrolle des Drogenhandels gegeben, den Kommandant Nasim Akhundzada (von der Harakat-Partei) schließlich gegen Konkurrenten von Jamiat und der Hisb Hekmatyars gewann. Nasim wurde ins einer Provinz der »König des Heroins werden. Der Kleinkrieg um die Kontrolle des Drogenhandels in der Provinz brach damit erneut aus.

Auch in Herat scheinen solche Kämpfe zwischen Gruppen der Jamiat und Anhängern Prof. Modschadeddis stattgefunden zu haben.

Die US-Regierung steht dieser Mudjahedin-Connection ausgesprochen zwiespältig gegenüber. Wegen des proklamierten "Drogenkrieges" lassen sich die bekannten Probleme, die bereits die Spalten der "Washington Post" erreicht haben, kaum länger ignorieren, eine Reihe von Beamten des State Department oder der AID sind genuin besorgt. Diejenigen Teile der US-Administration, die vorwiegend an der Fortsetzung des Krieges und daher an einer militärischen Unterstützung der Mudjahedin interessiert sind, halten die Frage des Heroinschmuggels durch die Mudjahedin für sekundär und nehmen deren Drogenschmuggel billigend in Kauf. Aus diesen Kreisen werden die Mudjahedin sogar offensiv gegen Nachforschungen abgeschirmt. Als Ende 1989 das State Department einen hohen Beamten nach Pakistan schickte, um die Mudjahedin-Connection zu untersuchen, wurde er von der eigenen Botschaft systematisch sabotiert: bis zum "Rat" der US-Botschaft an eine Reihe afghanischer und pakistanischer Personen, mit dem Beamten gar nicht erst zu sprechen. Er mußte unverrichteter Dinge nach Washington zurückkehren. Dabei ist es selbstverständlich, daß der Drogenhandel im großen Stil durch die Mudjahedin ohne Wissen der CIA, der US-Botschaft und ohne Wissen der pakistanischen Behörden undenkbar wäre. Der Gouverneur der pakistanischen Provinz Belutschistan hat gegenüber Journalisten berichtet, daß ganze Kolonnen aus Lastwagen und Jeeps nachts aus Afghanistan über die Grenze kämen - mit Drogen beladen. Gerade die Region steht jedoch unter strengster Kontrolle des pakistanischen Militärs. 



Quelle:
Jochen Hippler, Mudjahedin und Drogenhandel - Afghanistans Opiumproduktion wächst - Mudschahedin-Gruppen kämpfen um Mohn-Anbaugebiete und Heroinlaboratorien, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.8.1990, S. 7

 

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