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Jochen Hippler


Die Expertenfabrik und ihre Gurus -
Vorlaute Anmerkungen zu Medien in Kriegs- und Krisensituationen




Bricht eine Krise aus, nehmen die Experten überhand. Wenn Tausende von Menschen bei einem Terroranschlag sterben, wenn hinter der Türkei der nächste Krieg beginnt - dann schlägt nicht nur die Stunde der Militärs, sondern auch die der Sinnstifter. Und heutzutage sind kaum noch die Heiligen und Pfaffen dafür zuständig, sondern die Wissenschaftler und Experten. Das ist eigentlich gut so, denn natürlich haben die Menschen ein Interesse und ein Anrecht, etwas über die Hintergründe der Krisen, Kriege und Katastrophen zu erfahren. Und natürlich kann nicht jeder Zeitungsleser, jeder Radiohörer und Fernsehzuschauer Be-scheid wissen, wer ein Osama Bin Ladin ist, was sich im fernen Afghanistan abspielen mag oder was die US-Regierung an politischen und militärischen Optionen abwägt. Darüber zu informieren ist wichtig, und zu den brandaktuellen Bildern und Informationsbruchstücken einen erklärenden Hintergrund zu liefern bleibt unverzichtbar, wenn man als Medienkon-sument nicht völlig die Orientierung verlieren möchte. Und wer sollte die Sinnstiftung in diesem Chaos der Bilder und Info-Brocken denn schaffen, wenn nicht die Experten, Journalisten und Wissenschaftler?

Nur: erfüllt das mediale Expertenwesen tatsächlich seinen vernünftigen Zweck? Da drän-gen sich manche Zweifel auf. Gerade in bestimmten, informationsarmen Konflikten wird ein Übermaß an tatsächlichen und vermeintlichen Fachleuten aufgeboten, um das Nichts an Information zu überspielen. Seit dem Golfkrieg, Kosovo und nun der Bombardierung Afghanistans sind wir gewohnt, mit schmalen Info-Häppchen abgespeist zu werden, die nicht selten beinahe inhaltsleer sind - und nicht von selbständig recherchierenden Journalisten oder Wissenschaftlern stammen, sondern von der kriegführenden Truppe. Was wir an Information erhalten stammt vom US-Militär, von Saddam Hussein und den Taliban, selten aus unabhängigen und nachprüfbaren Quellen. Da erklärt die US-Regierung, daß die Ziele ihrer ersten Bombardierungswelle "recht gut" erreicht worden seien. Das ist fast schon alles, und wir alle dürfen raten, ob dies stimmt, und was "gut" eigentlich bedeutet. Und wenn die Informationslage flau und undurchsichtig ist - was sollen die Fernsehsender uns zeigen? Zu immer neuen Sondersendungen gezwungen, füllen sie die Mattscheiben mit sprechenden Köpfen: Politiker, Pressesprecher, und - Experten. Die Expertenflut resultiert zum Teil aus dem Fehlen verlässlicher Informationen, das nun kaschiert werden muß. Das Problem ist offensichtlich: immer mehr Experten sollen immer weniger Information kommentieren und erklären - und kommen in die mißliche Lage, häufig Fragen gestellt zu bekommen, die niemand beantworten kann. Und weil ein "Experte" ja qua Funktion kompetent sein muß, gerät er leicht in die Versuchung, auf solche Fragen trotzdem zu antworten. Beispiel: wer am Tag nach den ersten US-Angriffen gefragt wurde: "Was sind denn die langfristigen Folgen dieser Angriffe" (eine Standardfrage), der hätte ehrlicherweise antworten müssen: "Wir wissen nicht, was genau und mit welcher Wirkung bombardiert worden ist. Wie soll man da die Folgen abschätzen können?" Wer aber mehrere Fragen auf solch zutreffende Weise beantworten wollte, dessen Tage als Experte wären wohl gezählt: warum sollte man jemanden wieder einlanden, der nichts sagen kann? Hier liegt das Problem nicht beim Unwillen oder Unwissen der Fachleute, sondern der fehlenden Informationsbasis, eine seriöse Aussage treffen zu können.

Dann aber treffen wir beim zappen immer wieder auf Experten mit höchst eigenwilliger Berufsauffassung. Da kann es schon mal passieren, daß eben nicht analysiert, daß eben kein Hintergrund geliefert, kein kritisches Hinterfragen stattfindet. Der Oberexperte Peter Scholl-Latour beispielsweise gefällt sich im Gestus des Gurus, des allwissenden Alleserklä-rers, der seine Moderatoren abkanzelt, um sich selbst zu zelebrieren. Gute Unterhaltung, zweifellos, von eindrucksvoller Abgebrühtheit, aber das Fachwissen wird zur Staffage der Selbstdarstellung. Das Ergebnis ist Scheinaufklärung: die Muslime sind ganz anders, ihr Denken hat mit dem unseren kaum etwas gemein. Und Muslime, die ihren Glauben nicht gar so wörtlich nehmen, gar säkular interpretieren - sind eigentlich keine richtigen Muslime. Punkt. Ausrufezeichen! Zweifel nicht erlaubt, oder nur ein Zeichen der Ahnungslosigkeit oder Verweichlichung. Da wird der Experte zum intellektuellen Scharfrichter, und - schwupp - rollen die Köpfe derjenigen, die den Islam für eine ganz normale Religion zu halten belieben. Das kommt dann im Gewande der Pseudo-Aufklärung daher, denn - so der Meister - für den eigentlich immer irgendwie fundamentalistischen Islam soll man dann doch Verständnis haben. Seit einem Jahrzehnt haben Fachwissenschaftler immer wieder die kruden und verfälschenden Thesen Scholl-Latours kritisiert - so etwa Prof. Gernot Rotter (Hamburg). Lesenswert immer noch das von Verena Klemm herausgegebene Buch "Das Schwert des "Experten": Peter Scholl-Latours verzerrtes Araber- und Islambild" (Heidelberg: Palmyra, 1993).

Andere Fachleute machen es sich noch einfacher. Immer wieder finden wir welche, die die Erklärung von Regierungen für bare Münze nehmen und mit der Realität verwechseln: die amerikanische Regierung hat erklärt, ihre Politik diene ausschließlich der Bekämpfung des Terrorismus. Dann wird das wohl so sein, Zweifel unerwünscht. Sie erklärt, ausschließlich, höchst präzise, ebenso erfolgreich nur militärische Ziele zu bombardieren. Damit ist diese Frage geklärt und Informationen über die tatsächlichen Folgen der Luftangriffe sind ent-behrlich. Es ist schön, die fehlenden unabhängigen Informationen gar nicht zu brauchen, wenn man die Stellungnahmen einer Kriegspartei für bare Münze zu nehmen vermag. Häu-fig münden die Erklärungen dieser Expertenart in das Ablegen von Bekenntnissen - zum Westen, der Zivilisation, der US-Regierung oder der Politik der eigenen Regierungen: eine Art der Predigt, die Sinn durch Gesinnung produziert. Das ist fein und wärmt das Herz.

Schön ist auch zu erleben, wie die journalistische Not die Experten massenweise generiert. Noch vor Wochen wußte man nicht, wie man "Kabul" eigentlich ausspricht, und heute kann man mit leichter Zunge erklären, wie dort der Fundamentalismus und die ethnischen Verhältnisse ineinander greifen.
Journalisten haben es in Krisensituationen oft schwer: sie müssen plötzlich über Dinge berichten, die ihnen sehr fern sind und haben oft kaum eine Gelegenheit, sich einzuarbeiten. Jürgen Osterhage etwa, (ARD-Korrespondent vom MDR in Indien) ist mit Pakistan kaum vertraut, muß aber nun aus Islamabad berichten. Da kommt es immer mal wieder zu schiefen oder unsinnigen Einschätzungen, Schematisierungen, zweifelhaften Verallgemeinerungen. Auch die Korrespondenten in Washington werden verständlicherweise häufiger Dinge gefragt, die sie nicht immer wissen können - da spekulieren sie dann großzügig über einen Bodenkrieg in Afghanistan, ohne sich vielleicht jemals mit Militärfragen oder mit dem Land beschäftigt zu haben. Solche Ausrutscher kommen vor, sind aber oft den Arbeitsbedingungen von Korrespondenten geschuldet. Im Laufe der Zeit nimmt diese Art von Problemen ab, weil die Vertrautheit mit dem Gegenstand wächst. Die Redaktionen in Deutschland könnten sie auch vermindern helfen, wenn sie nicht so oft Fragen stellen würden, die ihre Korrespondenten beim besten Willen nicht oder noch nicht beantworten können.

Nun sollte man nicht den Eindruck erwecken, alle Korrespondenten seien Idioten und alle Experten Scharlatane. Marcel Pott, Thomas Roth oder beispielsweise Adel Elias leisten hervorragende Arbeit als Journalisten, und Wissenschaftler wie Gernot Rotter, Navid Kermani und Volker Perthes sind Experten, die diese Bezeichnung mehr als verdienen. Aber erstaunlich ist doch das häufig beliebige Nebeneinander von Kennern und Schwätzern, von Experten und "Experten", von Kraut und Rüben. Da steht fundierte Sachkenntnis neben hohler Spekulation, seriöse Analyse neben leerem Gerede. Und den zuschauenden Opfern der Mediendarbietung bleibt es überlassen, die Spreu vom Weizen zu trennen, ohne selbst über die Mittel dazu zu verfügen. Das Ergebnis besteht oft genug darin, daß die besseren Selbstdarsteller die Punkte machen. Überzeugend zu erscheinen, schlagfertiger zu sein, dreister aufzutreten - das sind Faktoren, die die politische Wirkung der Talkshows mehr bestimmen, als Recht oder Unrecht zu haben. Denn es geht ja letztlich ohnehin nicht um wissenschaftliche Analyse, sondern um Sinnstiftung. Und "Sinn" ist eben das, was in den Köpfen der Zuschauer hängen bleibt. Dabei sind Informationen und Zusammenhänge Wirkungsmittel neben anderen, und nicht immer die wichtigsten. Sinnstiftung bedeutet, den Leuten das Gefühl zu vermitteln, fremde, unverständliche Dinge nun besser einordnen zu können. Das bedeutet letztlich, Gefühle strukturieren zu helfen - und diese politisch wich-tige Aufgabe ist die heimliche Agenda der laufenden Schlacht der Experten in den Talk-shows.





Eine andere und kürzere Fassung dieses Textes erschien am 13. Oktober 2001
im Tagesspiegel (Berlin) unter der Überschrift "Berichterstattung - Beruf: Experte"


 

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