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Jochen Hippler

Die “Kalaschnikow-Kultur” in Karachi -
Ist der Bürgerkrieg vorüber oder steht er noch bevor?



Jedem in Pakistan fällt bei Erwähnung der Stadt Karachi zuerst die Gewalt ein. Fast 2100 politische Morde und ungezählte Verwundete gab es dort 1995. Attentate, Massaker, wahllose Schießereien und Bombenanschläge waren an der Tagesordnung. Wer heute die Stadt besucht spürt in manchen Stadtvierteln noch immer die Spannung, aber die Phase des allgegenwärtigen Terrors scheint vorüber zu sein. Es ist schwer zu verstehen, warum sich Karachi überhaupt zu einer Hauptstadt der Gewalt entwickelt hat. Aber auch die Tatsache, daß Karachi jetzt seit einigen Monaten keine schweren Anschläge mehr erlebt hat, ist erklärungsbedürftig.


Karachi ist für Pakistan keine beliebige Stadt. Es ist die Wirtschaftsmetropole des Landes, die großen Unternehmen, die nationale Fluglinie PIA, die Zweigstellen der multinationalen Konzerne haben ihren Sitz hier. Karachi verfügt über den einzigen Hochseehafen. Sechzig Prozent der Steuereinnahmen das gesamten Landes stammen von hier, und siebzig Prozent der Steuern der Provinz Sindh. Im Gespräch betont auch der Gouverneur der Provinz, Kamal Uddin Azfar, die wirtschaftliche Sonderstellung. “Man sollte sich daran erinnern, daß Karachi die reichste Stadt in Pakistan ist, wahrscheinlich auch im ganz Südwestasien. Das Pro-Kopf-Einkommen ist vier bis fünf mal so hoch wie der nationale Durchschnitt. Wie haben einen sehr hohen Stand der Alphabetisierung, der Gesundheitsversorgung, wie haben die Hälfte aller Telefone des gesamten Landes, die Hälfte der Autos.”

Für Pakistan mit seinen mehr als 130 Millionen Einwohnern und für viele Menschen aus den Nachbarländern wirkt die Stadt tatsächlich wie ein Magnet, wie eine “Stadt der Lichter”, in der ein besseres Leben möglich wird. Hatte Karachi bei der Staatsgründung Pakistans vor knapp fünfzig Jahren noch weniger als eine halbe Million Einwohner, so kennt heute niemand mehr die Zahl. Weder die Regierung noch die Stadtverwaltung verfügen über verläßliche Schätzungen, aber 15 Millionen Menschen mögen schon hier wohnen.

Die Geburt des Staates Pakistan 1947 war eine sehr blutige Angelegenheit: die Trennung von Indien brachte ethnische Säuberungen auf beiden Seiten der neuen Grenze, Schätzungen sprachen von einer Million toten Hindus und Muslimen. Rund sieben Millionen Flüchtlinge strömten ins Land. Es waren Muslime, die aus Indien fliehen mußten, und Gebildete und besser Ausgebildete, die sich bewußt für die Übersiedlung nach Pakistan entschieden, um dort beim Aufbau der neuen Islamischen Republik mitzuhelfen. Diese Millionen ins Land kommenden Menschen wurden Mohadschirs: genannt, was nicht mehr als “Flüchtlinge” bedeutet. Fast alle ließen sich in den Städten nieder, und fast immer in der Provinz Sindh. Karachi wurde zu ihrer informellen Hauptstadt, hier stellen die Mohadschirs und ihre Nachkommen heute die knappe Mehrheit.
Als Mitte der fünfziger Jahre diese Fluchtwelle abebbte, kam es zu massiver Zuwanderung aus anderen Landesteilen. Aus der Nordwestprovinz kamen viele Paschtunen, aber auch aus dem Pundschab und aus dem armen Belutschistan strömten die Menschen in die Stadt.
Als sich Anfang der siebziger Jahre das damalige Ostpakistan - und heutige Bangladesch - abspaltete, siedelten viele Nichtbengalen von dort nach Karachi über. In den achtziger Jahren kamen wegen des Krieges im Nachbarland Afghanistan viele Afghanen, davon wieder zahlreiche Paschtunen. Heute leben in Karachi mehr Paschtunen als in jeder anderen Stadt der Welt, mehr als in Kabul oder Peshawar. Seit dieser Zeit strömten auch zahlreiche, legale und illegale, Einwanderer aus Bangladesch (diesmal Bengalen), aus dem Iran und Indien in die Stadt. Schätzungen zufolge mögen mehr als zehn Prozent der Einwohner illegale Einwanderer aus den Nachbarländern sein.

Durch diese massiven Wanderungsbewegungen sind die Sindhis, die ursprünglichen Einwohner der Provinz Sindh und ihrer Hauptstadt Karachi, in eine hoffnungslose Minderheitssituation geraten. Es gibt vermutlich mehr illegale Einwanderer als Sindhis in der Stadt. Allerdings: das allein erklärt die Kultur der Gewalt nicht. Bis zur Mitte der achtziger Jahre hatten die verschiedenen ethnischen Gruppen friedlich zusammengelebt.
Wer mit Muhammad Shoaib Suddle spricht, dem Polizeichef von Karachi, der steht einem Intellektuellen in Uniform gegenüber, der den Eindruck macht, sehr freundlich sein, aber auch sehr hart zuschlagen zu können. Er spricht von den Verbrechen der letzten Jahre, von den zahlreichen Opfern, und von den ermordeten Polizisten. Er beschreibt Raketenangriffe auf das Regierungsgebäude und auf Polizeireviere. Ein Zehntel der politischen Morde, so schätzt er, gehe auf das Konto von Zusammenstößen zwischen religiösen Eiferern, vor allem zwischen sunnitischen und schiitischen Gruppen. Mindestens drei Viertel der Gewalt werde aber von der sogenannten MQM ausgeübt, der Mohadschir Qaumi Movement. Das ist die Partei der Mohadschirs. Der Polizeichef legt Wert darauf, daß nicht die ganze Bevölkerungsgruppe der Mohadschirs terroristisch sei, auch nicht alle MQM-Anhänger oder Aktivisten. Er schätzt, daß es sich um 4-5000 gefährliche Gewalttäter aus ihren Reihen handele.

Der Stadtteil Liaqatabad ist für Karachi, was Karachi für Pakistan ist: ein Symbol der Gewalt. Schätzungsweise 700.000 Menschen wohnen hier, meist ärmere. Über neunzig Prozent von ihnen sind Mohadschirs, fünf Prozent Punschabis, zwei oder drei Prozent Paschtunen. Sindhis gibt es nur wenige. Das hiesige Polizeirevier, eines von 92 in Karachi, war im letzten Jahr mit Raketen beschossen und schwer beschädigt worden. Zwei der vier Raketen hatten allerdings ihr Ziel verfehlt und waren in der Nachbarschaft eingeschlagen. Sie trafen das Haus von Mohammad Udar: “Meine Familie saß beim Mittagessen, es war ungefähr Viertel vor Zwei. Meine Frau starb bei dem Raketenangriff, und zwei Söhne und ein Enkelkind. Vier Mitglieder unserer Familie wurden verletzt, und meine Tochter verlor einen Arm und ein paar Zehen. Es waren zwei Raketen. Eine hat die Außenwand getroffen, die andere traf uns direkt beim Essen.” Der Mann ist zwar erst vierzig, sieht aber viel älter aus und spricht so leise, daß man ihn kaum versteht. Er ist selbst Mohadschir, hat aber verständlicherweise für die Gewalt der MQM keine Sympathie.

Die Witwe eines Polizisten erzählt, ein kränkliches, schreiendes Kind auf dem Schoß, von der Entführung ihres Mannes. Man habe ihn schwer gefoltert, ihm schließlich eine Plastiktüte über den Kopf gezogen und ihn erschossen. “Mit den eigenen Händen würde ich die Mörder erwürgen, wenn ich sie nur finden würde.” Die Verbitterung ist überall spürbar.
An der Außenmauer des Polizeireviers Liaqatabad gibt es seit kurzem ein Emblem mit der Aufschrift: “Wir sind Eure Diener, nicht Eure Herren!” Das ist ein für Pakistan bemerkenswertes Konzept, das die örtliche Polizei den Einwohnern auch in öffentlichen Veranstaltungen erklären möchte. Bisher, so ein Polizist, sei die Bevölkerung aber noch skeptisch.

Nach dem Besuch dieses Polizeireviers ergibt sich die Möglichkeit, mit einer Polizeipatrouille auf Streife zu gehen. “Von dort oben” - und der Offizier zeigt während der Fahrt auf ein Häuserdach - “von dort oben wurden wir häufig beschossen. Und auch von dort, aus diesen kleinen Gassen. Hier an dieser Kreuzung konnten wir uns bei manchen Streiks nicht einmal in gepanzerten Mannschaftswagen bewegen. Es gab brennende Straßensperren und schweren Beschuß. Allein an dieser Stelle waren einmal elf Autos angezündet worden, um uns den Zugang zu verweigern.” Noch etwas weiter geht es durch den Stadtteil, bis zu einer Gegend, in der man mit Autos nicht mehr weiterkommt. Die Straßen werden so eng und verwinkelt, daß man nur zu Fuß hineinkann. Drei mit Kalaschnikows bewaffnete Polizisten gehen voran, halten Fenster, Hauseingänge, flache Dächer und andere Gefahrenpunkte im Auge, um Heckenschützen zu entdecken. Drei weitere, ebenfalls schwerbewaffnete Polizisten sichern die Gruppe von hinten. In diese Straßenzüge, so ein Offizier, habe sich die Polizei noch vor wenigen Monaten nicht hineingewagt. Aber auch die Bevölkerung tritt der Polizei heute anders gegenüber: früher hatten Kinder und Jugendliche gegen geringe Bezahlung Wache gestanden und das Eintreffen der Polizei angekündigt. Riefen sie ihre Warnungen, war die jeweilige Straßen blitzschnell wie ausgestorben. Heute aber ignorieren die Passanten die Polizei. Man flieht nicht vor ihr, man ist nicht freundlich, man verhält sich so, als wäre sie gar nicht da.
In einer anderen Gasse erklärt der Offizier: “Das ist das Grüne Haus”, ein berüchtigtes Folterzentrum. “Jetzt ist es verlassen, aber früher waren die Terroristen hier völlig sicher, da wir in diese Gegend gar nicht hineinkamen.” Bei einem Gang durch das Gebäude zeigt er auf ein großes Loch im Betonboden: “Da haben wir ein paar Leichen gefunden, ich glaube vier oder fünf. Und dort drüben hingen alle möglichen Stricke und Kabel von der Decke, um die Opfer festzubinden.”

Die MQM trägt tatsächlich Verantwortung für einen großen Teil des Terrors, das ist nicht nur die Propaganda ihrer politischen Gegner. Aber sie ist nicht homogen, und die meisten MQM-Politiker haben mit der Gewalt nichts zu tun. Die Partei ist nicht verboten, sogar im Parlament der Provinz Sindh mit einer Reihe von Abgeordneten vertreten. Einer von ihnen ist Syed Bukhari. Er ist Rechtsanwalt mit Zulassung am höchsten Gericht der Provinz, ein kleiner, etwas nervöser, freundlicher Mann mit einem großen Schnurrbart. Bukhari gehört zum engsten Führungszirkel seiner Partei. Bei einem Gespräch im Hauptquartier ist sein Redefluß kaum zu stoppen. Engagiert erklärt er die Positionen der MQM. Ein besonders wichtiger Konfliktpunkt ist die Benachteiligung der Mohadschirs bei der Vergabe von Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst oder von Studienplätzen. Tatsächlich hatte sich der Konflikt ursprünglich an den Universitäten und technischen Hochschulen entzündet.

“In ganz Pakistan gibt es kein Quotensystem für ethnische Gruppen, außer im Sindh, zwischen den Mohadschirs und Sindhis.” Im Prinzip reserviert das Quotensystem, das zur Regierungszeit Zulfikar Ali Bhuttos, des Vaters der heutigen Ministerpräsidentin, eingeführt worden war, 60 Prozent der Studienplätze und Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst für die Sindhis und 40 Prozent für die Mohadschirs. Ländliche Sindhis haben so mit viel schwächeren Leistungen weit bessere Ausbildungs- und Berufsaussichten als hoch qualifizierte städtische Mohadschirs. Aber Bukhari geht in seiner Kritik noch weiter: “Wenn es zehn freie Stellen gibt, dann geht kaum eine davon an unsere Leute, und neun gehen an die Landbevölkerung. Wir werden also wegen unserer Sprache benachteiligt. Wir sprechen Urdu. Wir werden diskriminiert, weil wir Mohadschirs sind, und obwohl wir uns für Pakistan entschieden haben.”

Diese Kritik ist berechtigt. Tatsächlich werden die Modhajirs benachteiligt. Aber die Probleme gehen über die Ungerechtigkeiten bei der Stellenvergabe weit hinaus. Die Mohadschirs sind auf dem Land und in der Provinz insgesamt deutlich in der Minderheit, aber in Karachi und den anderen Städten in der Mehrheit. Der Konflikt trägt deshalb Züge eines Stadt-Land-Gegensatzes. Zwar konzentriert sich das Blutvergießen auf die Stadt, aber eigentlich geht es um die Rolle der Stadt in der Provinz, und um den Machtanteil der überwiegend städtischen Mohadschirs in der Provinzpolitik. Karachi gegen die ländlichen Gegenden der Provinz Sindh, so läßt sich der Konflikt besser verstehen, als wenn man ihn nur auf die Stadt selbst bezieht.

Weiter kompliziert wird es dadurch, daß die großen Städte politisch von der MQM dominiert werden, die ländlichen Bezirke aber von der Pakistanischen Volkspartei (PPP) der Ministerpräsidentin Benazir Bhuttos. Ein Teil des Konfliktes resultiert aus dem Gegensatz dieser beiden Parteien. Die Machtbasis der PPP - und damit der Regierung Bhutto - liegt im Sindh. Und je stärker die in der MQM organisierten Mohadschirs der großen Städte mehr Rechte und mehr Macht fordern, je mehr sie auch in der Politik des Sindh mitreden und mitentscheiden wollen, um so stärker fühlt sich die PPP bedroht. Sie hat in den letzten Jahren in den anderen Provinzen, gerade im bevölkerungsreichen Punschab, an Unterstützung verloren, so daß eine zusätzliche Schwächung in ihrem Stammland Sindh besonders bedrohlich wäre.

Aber auch das ist noch nicht alles. Die Mohadschirs - vor allem ihre Führungsgarnitur - sind stark mittelschichtig geprägt. Rechtsanwälte, Lehrer, Angestellte, Ladenbesitzer, Studenten - aus diesen Gruppen kommt das Führungspersonal. Die MQM ist im Prinzip die Partei der städtischen Mittelschichten. Umgekehrt sind die meist auf dem Land wohnenden Sindhis nicht nur landwirtschaftlich geprägt, sondern noch von Feudalinteressen kontrolliert. Die Führungsschicht der Sindhis sind feudale Großgrundbesitzer - auch die Familie Bhutto stammt aus dieser Gruppe. Die Landwirtschaft - und damit die Feudalherren - sind in Pakistan von der Steuerpflicht befreit, während die Mittelschicht Karachis mit ihren Steuern den Rest des Landes finanziert. Der Konflikt ist damit auch ein Klassenkrieg, bei dem die aufstrebenden, städtischen Mittelschichten die Vorherrschaft der Feudalisten abschütteln wollen.
Syed Bukhari von der MQM ist sich dessen sehr bewußt. Er formuliert das so:
“Die feudalistischen Parteien kontrollieren die Politik. Zulfikar Ali Bhutto oder seine Tochter Benazir waren und sind selbst Feudale. Diese feudalen Familien regieren mit drei Mitteln das Land. Ein Bruder ist in der Armee, der zweite ein Politiker und der dritte ein Großgrundbesitzer. Sie machen nur 2 Prozent der Bevölkerung aus, 98 Prozent sind arm oder gehören zur unteren oder wohlhabenderen Mittelschicht. Diese Großgrundbesitzer zahlen nie irgendwelche Steuern, wir aber müssen zahlen.”
Der Konflikt und die Gewalt in Karachi beruhen also auf der Verknüpfung einer “ethnischen” Dimension mit dem Stadt-Land-Gegensatz, mit konkreten Diskriminierungserfahrungen und mit einem Machtkampf zwischen Mittelschichten und ländlichen Großgrundbesitzern. Ihre politische Form erhält diese komplexe Situation durch die Konkurrenz zweier Parteien, der PPP und der MQM.

Inzwischen ist die Gewalt in Karachi stark rückläufig, wie Regierung, Polizei, MQM und Presse übereinstimmend berichten. Die politischen Morde haben zwar nicht aufgehört, aber größere Massaker und Terroranschläge hat es in der Stadt schon seit ein paar Monaten nicht mehr gegeben. Fragt man den Polizeichef nach den Ursachen, dann erklärt er das so:
“Wir haben versucht, unsere Nachrichtendienste zu verbessern, wir haben versucht, die Polizei besser auszurüsten und auszubilden, ihre Moral zu stärken. Die Ergebnisse sind offensichtlich. In einer Stadt, in der wir selbst nach Monaten der Fahndung nicht in der Lage waren, irgendwelche Terroristen festzunehmen, haben wir seit Anfang Juli letzten Jahres rund 800 Terroristen ausgeschaltet. Die meisten von ihnen waren hochkarätige Terroristen. Mehr als 600 wurden verhaftet, mehr als 100 wurden bei Auseinandersetzungen eliminiert.”

Tatsächlich hat die Polizei im Juli 1995 mit dem Amtsantritt des Polizeichefs Muhammad Suddle eine neue Taktik im Kampf gegen den Terrorismus der MQM begonnen. Im Jahr davor waren rund 200 Polizisten ermordet worden, und die Regierung und die Polizeiführung beschlossen, nunmehr hart zurückzuschlagen. Seitdem scheint die Polizei zuerst zu schießen, und erst dann Fragen zu stellen. Die Zeitungen des Landes berichten immer wieder von Verdächtigen oder Gefangenen, die im Polizeigewahrsam gestorben sind, angeblich an “Herzinfarkt”, obwohl Fälle nachweisbar sind, in denen die Opfer Folterspuren oder Schußwunden aufweisen. Zaigham Khan ist Journalist beim Herald, einem der beiden wichtigen politischen Magazine. Jegliche Sympathie für die MQM liegt ihm fern, er hält die Partei für faschistisch. Zu den Polizeipraktiken meint er:

“Die Regierung hat im Moment einen Weg gefunden die MQM unter Kontrolle zu halten. Sie erreicht das durch sogenannte “extralegale Tötungen”. Sie hat eine Liste von Leuten angelegt, vor allem von Kriminellen oder Mördern, die hunderte von Menschen ermordet haben. Und es scheint eine stille Entscheidung gegeben zu haben, sie bei fingierten Zusammenstößen zu töten. Es kommt zu Zusammenstößen, die gestellt sind. Die Polizei hat einen Weg gefunden, diese Leute zu beseitigen. Deshalb ist Karachi momentan friedlich.”

Ob die Polizei tatsächlich über Todeslisten verfügt ist nicht nachweisbar, aber die Praxis der gestellten oder angeblichen Schußwechsel und andere Formen staatlicher Morde sind an der Tagesordnung. In neun Monaten wurden rund 200 MQM-Mitglieder durch die Polizei getötet, eine Zahl, in der allerdings tatsächliche Schießereien und polizeiliche Morde enthalten sind. Syed Bukhari von der MQM-Führung gesteht im Gespräch ein, daß die Polizeimaßnahmen die Partei in die Defensive gedrängt haben. Aber er meint zugleich, daß die Repression ihr letztlich nützt. “Heute ist es schwierig für uns, uns frei zu bewegen. Wir müssen sehr auf unsere Sicherheit achten. Außerdem haben wir unsere politischen Aktivisten angewiesen, sich zu verstecken, um solchen Verhaftungen und Morden zu entgehen. Andererseits ist die MQM durch diese Verfolgung noch populärer geworden. Jeder weiß das. Das hat uns gestärkt und nicht geschwächt.”

Tatsächlich könnte es durchaus sein, daß die gegenwärtige Ruhe in der Stadt kein Dauerzustand sein wird. Die Verminderung der Gewalt ist nicht das Ergebnis einer politischen Lösung, eines Interessenausgleichs, einer Beseitigung der Konfliktursachen, von Verständigung oder Versöhnung, sondern die Folge bloßer Repression. Es ist wenig erstaunlich, daß in den Reihen der MQM die Verbitterung noch zugenommen hat. Bei einem Nachlassen der Polizeibrutalität oder einer Gewöhnung an sie könnte jederzeit eine neue Runde der Gewalt und des Terrorismus beginnen. Im vertraulichen Gespräch sind sich hohe Polizeioffiziere im Klaren darüber, daß sie lediglich Zeit gewonnen haben - daß aber das Problem der Gewalt in Karachi nur politisch gelöst werden kann. Die scharfe Repression und die “extralegalen Tötungen” haben der Regierung eine Atempause verschafft, aber - obwohl der Gouverneur dies bestreitet - nichts gelöst. Die entscheidende Frage wird sein, ob die Regierung - und die MQM - bereit sind, nun eine politische Lösung anzustreben und zustandezubringen. Da aber sind Zweifel angebracht: beide Seiten wissen zwar, daß sie miteinander reden müssen, und haben das nach langem Zögern auch bereits getan. Aber die Bereitschaft, einen wirklichen und dauerhaften Kompromiß einzugehen - also die Benachteiligung der Mohadschirs durch die Regierung und den Terror durch die MQM zu beenden - scheint auf beiden Seiten noch nicht vorhanden zu sein.

Das Ende der “Kalaschnikow-Kultur” in Karachi ist von hoher Bedeutung für ganz Pakistan. Die wirtschaftlichen Entwicklungschancen des Landes hängen auch davon ab, daß sein ökonomisches Zentrum aus dem Strudel der Gewalt ausbrechen kann. Noch im letzten Jahr fanden ausländische Geschäftsleute in einem der großen Luxushotels auf ihren Zimmern Zettel des Managements vor, die auf “Sicherheitsprobleme” beim Verlassen des Hotels hinwiesen. Unter solchen Umständen ist es schwierig, ausländische Investoren zu gewinnen.

Die Normalisierung in Karachi ist für Pakistan auch entscheidend, weil die Stadt sonst zu einem Herd allgemeiner Instabilität werden könnte. Dies gilt vor allem für den Fall, wenn der gegenwärtige Konflikt zwischen Staat und Mohadschirs tatsächlich zu einem zwischen den Bevölkerungsgruppen der Mohadschirs und Sindhis auf breiter Basis werden, und wenn in einen solchen Konflikt dann auch die anderen ethnischen Gruppen der Stadt - vor allem die Paschtunen und Pundschabis - hineingezogen würden. Gerade bei den Paschtunen ist der Widerwille gegen die MQM bereits deutlich gewachsen. Eine Ausdehnung gewaltsamer Politikformen und ethnischer Konflikte auf den Rest des Landes wäre verheerend. In den letzten Monaten hat es bereits eine Serie mysteriöser, blutiger Bombenanschläge in der Nähe der Stadt Lahore - in der Provinz Pundschab - gegeben, und auch im Wahlkampf im pakistanischen Teil Kaschmirs waren Tote zu beklagen. In der Nordwestprovinz mit ihren paschtunischen Stammesgebieten und der Großstadt Peschawar flammen immer wieder Gewalt und Terrorismus auf. In diesem Gesamtkontext ist es entscheidend, ob Karachi wieder zu einer friedlichen Metropole und zum wirtschaftlichen Motor des Landes werden kann, oder ob die dortigen blutigen Konflikte auf andere Städte und Regionen ausstrahlen oder sich mit ihnen verbinden. Der Schlüssel zu einer Lösung liegt heute in den Händen der Regierung des Sindh und der Regierung Bhutto in Islamabad. Beide werden von der PPP dominiert, sind also selbst Konfliktpartei. Wenn sie die Größe aufbringen, über den Schatten ihrer sonst üblichen, egoistischen Parteipolitik zu springen - dann könnte der Konflikt in Karachi relativ bald beigelegt werden. Wenn sie aus der gegenwärtigen Ruhe aber den Schluß ziehen, eine Verständigung mit der MQM nicht mehr nötig zu haben, dann besteht die große Gefahr, daß die nächste Runde der Gewalt noch bevorsteht.

 


Jochen Hippler, Die “Kalaschnikow-Kultur” in Karachi - Ist der Bürgerkrieg vorüber, oder steht er noch bevor?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Juli 1996, S. 9

 

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